Die Verschiebung des schriftlichen Dividierens in die weiterführende Schule sei kein Rückschritt, sondern ein Schritt hin zu tragfähiger mathematischer Kompetenz, so Kristina Reiss. Viele Kinder würden Rechenschemata wie das schriftliche Dividieren mechanisch auswendig lernen, ohne sie wirklich zu verstehen – das mache sie anfällig für Fehler und untergrabe das Vertrauen in die eigene Rechenfähigkeit. Ziel eines modernen Unterrichts müsse es daher sein, Strategien zu vermitteln, die auf Verstehen, Zerlegen und Kopfrechnen setzen – mit dem Anspruch, Mathematik als sinnvoll und anwendbar zu erleben.
Reiss betont, dass Mathematikunterricht dann erfolgreich ist, wenn Schülerinnen und Schüler lernen, Ergebnisse kritisch zu prüfen und Hilfsmittel wie Taschenrechner bewusst und reflektiert einzusetzen. Der Fokus solle weniger auf der korrekten Reproduktion formaler Routinen liegen als auf kognitiver Aktivierung und Anwendungskompetenz. Entscheidend sei es, die Grundlagen für ein nachhaltiges Interesse am Fach zu legen – in der Schule ebenso wie im Alltag.
Von 2009 bis 2021 leitete Kristina Reiss den Heinz-Nixdorf-Stiftungslehrstuhl für Didaktik der Mathematik an der TUM und war Dekanin der damaligen TUM School of Education. Ihre Forschung konzentrierte sich auf das mathematische Denken, computerunterstützte Lernumgebungen und internationale Leistungsstudien – unter anderem als langjährige Leiterin der PISA-Studien in Deutschland. Heute engagiert sie sich weiterhin als Ombudsperson der TUM sowie in verschiedenen wissenschaftlichen Gremien.